Mit Gefühl | 57-2

Jesus, der heilt und predigt – so kennen wir ihn. Schon etwas unbekannter: Jesus, der feiert (Joh 2), Jesus, der sich zum AlleinSein und Beten zurückzieht (Mk 1), Jesus, der öffentliche Formen von Protest übt (Mt 21). Und dann lesen wir als Monatsspruch für den März: „Da weinte Jesus.“ (Joh 11,35) Jesus, der weint?
Die Geschichte, aus der dieser Satz stammt, steht im Johannesevangelium: Jesus hört, dass sein Freund Lazarus krank ist. Er macht sich auf den Weg, denn Lazarus ist ihm wichtig und auch mit Lazarus‘ Schwestern Maria und Martha ist Jesus befreundet. Als er bei ihnen ankommt, ist es zu spät: Lazarus ist gestorben. Und dann heißt es in der Einheitsübersetzung: „Da weinte Jesus.“ und bei Luther: „Und Jesus gingen die Augen über.“ Die von uns, die die Geschichte kennen, wissen, dass am Ende das Leben steht, denn Johannes erzählt hier von Jesu letztem Wunder. Aber erst einmal ist Jesus einfach nur traurig, weil ein Freund gestorben ist. Ich sehe Jesus weinen und merke, dass er uns Raum gibt, der Traurigkeit Raum zu geben. Wenn selbst Jesus weint... Boys do cry! Ich sehe Jesus weinen und merke, dass er mit Maria und Martha mitweint. Jesus ist einer, der mitfühlt und er lädt uns ein, mit anderen mit zu fühlen.
Paulus sagt es so: „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden“ (Röm 12,15). Diese Aufforderung gehört für den Apostel in die Sammlung an Hinweisen für die Gemeinde, damit das Leben in Gemeinschaft gelingt: Mitgefühl ist das, wozu er einlädt: Hör genau hin, wenn jemand dir etwas erzählt und freu dich mit, wenn der andere sich freut. Schau genau hin, wenn einer traurig ist. Halte mit aus und manchmal: Wein mit, denn manches ist einfach zum Weinen.
Nicht immer ist es das, was wir wollen: Wenn wir sehr traurig sind, dann braucht es gerade einen, der nicht weint, sondern uns in den Arm nimmt und stark ist. Aber, wenn der sich dann eine Träne aus den Augen wischt, dann weiß ich: Er weiß, wie ich mich gerade fühle. Er fühlt mit. Er kennt die Traurigkeit. Ich bin damit nicht allein. Das sehen Martha und Maria, als Jesus weint. Er ist einer von uns. Ganz nah. Uns verbunden auch in der Trauer.
Eine Seite Gottes scheint hier in Jesus durch, die so wenig zu passen scheint zu Gott, der allmächtig und stark ist. Und doch, dass Gott Mitgefühl hat, bis hin zum Mitleid, das finden wir auch an anderen Stellen in der Bibel: Am Ende vom Buch Jona fragt Gott ihn: Sollte ich etwa kein Mitleid haben mit den vielen Menschen und Tieren? (Jona 4)
Gott, der sich anrühren lässt und der mit uns mitfühlt, den sehe ich in Jesus, der weint. Gott, der in Jesus erlebt, was es bedeutet, um einen Menschen zu trauern, um einen Menschen, der uns wichtig war, der zu unserem Leben dazugehörte, den wir vermissen. Dass Gott diesen Schmerz und die Traurigkeit von innen kennt, macht mir Mut: Ich weiß: Gott versteht mich von innen her und ich kann Gott sagen, was mich im Innersten bewegt.
„Mit Gefühl. Sieben Wochen ohne Härte.“ So heißt das evangelische Motto für die Fastenzeit. Der Monatsspruch für März erzählt von Jesus, der mit Gefühl und mit Mitgefühl lebt. Ihm folgen wir in dieser Fasten- und Passionszeit und halten Ohren, Augen und Herzen offen mit Gefühl und mit Mitgefühl.
Mit herzlichen Grüßen
Ihre Pfarrerin Sophia Döllscher