Editorial (47-2 | Februar/März 2016)

Ganz bei TROST

Ich sitze mit der alten Dame im Aufenthaltsraum des Seniorenheims. Sie ist unruhig, etwas ängstlich. Sie will soviel erzählen und  merkt doch immer wieder, dass die Erinnerungen sich nicht mehr so einfach heranziehen lassen. Irgendwann landen wir im Gespräch ...
 

...  dann bei einem ihr sehr vertrauten Thema: Die Mutter. Ja, die war immer da. Eine Seele von Mensch. In den schweren Zeiten des Krieges. Und danach. Die Mutter hatte immer Rat und Trost parat.

Die Mutter – die sie auf den Arm genommen hat. Bei der sie sich auf dem Schoß zusammenrollen konnte. Die Mutter, die in der Nacht kam und die Geister vertrieb, die Mutter, deren Hand sie greifen konnte, so dass sie sich sicher und geborgen fühlte, auch wenn alles herum unsicher und
unbekannt war.

 

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66, 13)

 

In den Texten des Propheten Jesaja klingt oft die Erfahrung der Vertreibung des Volkes Israel mit. Heimatlosigkeit, Fremde und Verlorenheit sind die bestimmenden Themen. Der Prophet Jesaja verheißt Trost. Gott wird sich seinem Volk zuwenden wie eine Mutter ihrem Kind. Das Volk wird genährt werden mit dem besten, was ein Kind bekommen kann, mit Muttermilch. Es wird liebevoll getragen. Es sitzt auf dem Schoß Gottes. Gott tröstet sein Volk. Gott ist ganz nah. Heimatlosigkeit, Fremde und Verlorenheit gehören der Vergangenheit an. Gott kann wie eine Mutter Angst und Schrecken vertreiben.

 

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

 

Gott wie eine Mutter: Dieses Bild rührt tiefe Gefühle an. Denn die Sehnsucht nach Geborgenheit tragen wir alle tief in uns. Und andererseits erscheint es uns fremd, Gott als Mutter zu bezeichnen. Herr, unser Gott, Herrscher, Vater – diese Gottesbilder sind uns vertraut. Aber Gott als Mutter – das wäre schön und doch ist es immer noch schwer vorstellbar.

Jesaja konnte Gott so denken. Er konnte Gott mit typisch mütterlichen Eigenschaften verbinden – mit Trost und Zuwendung, mit Nähe und Hoffnung. Vielleicht, weil er Gott so erfahren hat: alströstend und nahe. Von seinen menschlichen Erfahrungen spricht er, um Gott zu beschreiben. Und dabei wird Gott nicht auf ein Bild festgelegt.

Gott – der, die oder das, weder Mann noch Frau, noch Vater oder Mutter –, schenkt Trost und Geborgenheit, so wie wir es als Kinder bei unseren Müttern oder Vätern oder anderen Menschen erlebt haben. Und diesen Trost erfahren wir hoffentlich auch noch als alte, hochbetagte Menschen, wenn die eigenen Mütter und Väter schon längst nicht mehr da sind. So ist es uns verheißen: Gott-Mutter, Gott-Vater verlässt uns nicht.

 

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

 

Mögen Sie im Jahr, dass vor uns liegt, trostvolle Erfahrungen mit Gott machen!

Ihre Pfarrerin Anne Kathrin Quaas