Editorial (46-2 | Febr.-März. 2015)

quaas verlauf

Mal angenommen... - Gedanken zur Jahreslosung 2015

Nehmt einander an,
wie Christus euch angenommen hat
zu Gottes Lob. Römer 15,7

 

Mal angenommen, wir würden die Annahme verweigern. Man muss ja nicht jeden annehmen. Oder? Wir sind ja auch nur
Menschen und haben unsere Grenzen.
Mal angenommen, wir würden uns einlassen auf diese Aufforderung. Annehmen um jeden Preis. Annehmen zu jeden Preis. Das ist doch gut christlich, das ist doch Nächstenliebe. – Oder? Es steht zu befürchten: Wir wären schnell  am Ende mit unserer Kraft.

Mal angenommen, die Sache ist – wie meist – doch komplizierter als zunächst angenommen. Will sagen: Unsere Jahreslosung für das Jahr 2015, dieser unscheinbare Satz des Paulus aus dem Römerbrief, ist komplex. Zu verstehen ist er nur in seiner Mehrdimensionalität. Zu hören ist er nur als Dreiklang:

Nehmt einander an,
wie Christus euch angenommen hat
zu Gottes Lob.


Annehmen – uns gegenseitig nehmen, wie wir sind, dass ist keine Kraft- oder Geduldsübung. Da kämen wir schnell an unseren Grenzen.
Annehmen, die Zumutung des anderen aushalten, das ist vielmehr ein Wunder. Ein Gottesgeschenk.
Unsere menschlichen Fähigkeiten, anzunehmen, Kommunikation gelingen zulassen, Konflikte zu heilen und zu lösen, sind sehr begrenzt
Es braucht ein Wunder: Das Gespür, ich bin angenommen – in Christus. Dieses Gespür muss zuerst da sein. Uns tragen und umhüllen. Wie eine tief verinnerlichte Lebenserfahrung: Gott hat die Annahme nicht verweigert. Ich werde nicht abgewiesen. Ich bin, so wie ich bin, total angenommen, aufgenommen, aufgehoben.
Und dieses tiefe Gespür, das setzt uns dann frei zum Kontakt mit den anderen: „Nehmt einander an!“
Jetzt können wir annehmen, ohne uns selbst aufzugeben. Jetzt können wir annehmen, ohne ständig an unsere Grenzen zu stoßen. Jetzt können wir wertschätzen und annehmen, weil wir zuerst um unsere eigene Wertschätzung und um unser Angenommensein wissen.
Und dann kann eine zwischenmenschliche Begegnung zum Gottesgeschenk werden. Dann setzt die Annahme des anderen mich frei und den anderen auch. Und diese Erfahrung, die ist Gott Lob genug. Weil er uns Menschen liebt.

Ihre Pfarrerin Anne Kathrin Quaas