Editorial (45-3 | Jun-Jul-Aug 2014)

anders verlauf

1914-2014 "Selig sind die Friedfertigen" (Matthäus 5,9)

Das Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkrieges nach einhundert Jahren war bis vor kurzem für viele nur eine...

 

... historische Rückschau. Spätestens durch die Entwicklungen bei uns, in Europa, in der Ukraine ist die Frage von Krieg oder Frieden neu und bedrängend aktuell in unser Bewusstsein getreten. Eine Frage hat dabei viele bewegt: Wie konnte es dazu kommen? Und wie kann heute ein Krieg verhindert werden? Eine Antwort muss wohl lauten: Keiner der politisch Verantwortlichen hat sich damals wirklich in die Lage des jeweils anderen hinein versetzt, so dass eine von Angst und gegenseitigem Misstrauen erfüllte Entwicklung ihren Verlauf nahm. Heute suchen Menschen nach Orientierung.

In der Bibel ist das bekannteste Wort zum Frieden in der Bergpredigt in Matthäus 5 Vers 9 zu lesen: „Selig sind die
Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen."
Sind wir heute „friedfertig"? Die Theologin Dorothee Sölle schrieb dazu:
„Lassen Sie mich noch zwei andere Übersetzungen dieses Verses Ihnen auf den Weg geben – die eine, die sehr wörtlich ist, heißt: „Selig sind die Friedensstifter, sie werden Gottes Söhne heißen." Und eine andere, die vielleicht das etwas dunkle Wort „Selig" ein bisschen klarmacht: „Freuen dürfen sich alle, die Frieden schaffen, sie werden Kinder Gottes sein." [...] Ich glaube, dass die Übersetzung unseres Bibelverses „Selig sind die Friedfertigen", wie wir sie von Luther kennen, eine Gefahr in sich trägt, nämlich die des friedlichen Dabeisitzens, die des berühmten Schneiders aus Sachsen, der über seinem Geschäft den Spruch anbrachte, der auf seinen Landesfürsten gemünzt war: „Unter deinen Flügeln kann ich ruhig bügeln." Wenn das der Sinn von „Selig sind die Friedfertigen" ist, [...] dann ist das eine Verfälschung dessen, was Jesus gemeint hat, dann ist diese Übersetzung nicht richtig, dann müssen wir eine andere Übersetzung lernen, die mit „Frieden machen", wie es im Urtext heißt, „Frieden stiften", „am Frieden arbeiten" zu tun hat. Und das ist: sich einmischen. Wie wird man denn einer, der Frieden macht? Ich glaube, sich einmischen hat einmal zu tun mit dem Ich, das jemand nicht mehr versteckt und anonym hält. [...]" – Dorothee Sölle, Predigt im Lübecker Dom am 6. September 1980 (gekürzt)

„Frieden schaffen", dies nimmt den biblischen Gedanken des „Schalom" auf. Dieser Begriff ist umfassender und meint mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Schalom bedeutet in der hebräischen Bibel, dass in der Gesellschaft auch Recht und Gerechtigkeit herrschen. Daraus lerne ich erstens: Frieden ist ein Zustand zwischen Menschen, den es nicht für alle Zeit gibt, sondern der in der Welt immer neu hergestellt werden muss.
Zweitens: Dies geschieht immer unter der Beteiligung aller. Ich selbst bin immer mit beteiligt.
Drittens: Frieden beginnt bei jedem Einzelnen. Ganz zu Anfang muss ich lernen, mit mir selbst im Frieden zu leben – und dann im Frieden mit den anderen. Mein Handeln steht dabei unter der Zusage Gottes. Ein 1983 entstandener Text von Friedrich Schorlemmer aus dem Friedenskreis Wittenberg drückt dies nach wie vor aktuell aus:
„Ich möchte ein Mensch des Friedens werden. Ich möchte so leben, dass auch andere Menschen leben können – neben mir – fern von mir – nach mir. (...) Ich möchte so leben, dass ich niemandem Angst mache. Ich bitte darum, dass ich selber der Angst nicht unterliege. Ich will mich von dem Frieden, der höher ist als alle Vernunft, zur Vernunft des Friedens bringen lassen. ... Ich setze meine Fähigkeiten und Kräfte für eine Gesellschaft ein, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer ist. ... Ich lerne das Loslassen und werde gelassen."

Ihr Pfarrer Jens Anders