Editorial (44-4 | Sept-Okt-Nov 2013)

anders verlauf

450 Jahre Heidelberger Katechismus

„Gott will uns trösten. Gott tröstet nur, wenn Grund genug dafür vorhanden ist; wenn Menschen nicht aus noch ein wissen; wenn die Sinnlosigkeit des Lebens sie ängstigt...

 

 ... . Die Welt, wie sie in Wirklichkeit ist, macht uns immer Angst. Aber wer getröstet wird, sieht und hat mehr als die Welt, er hat das Leben mit Gott. Nichts ist zerstört, verloren, sinnlos, wenn Gott tröstet." Diese Worte stammen von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Sie wirken wie ein moderner existentieller Kommentar zur ersten Frage und Antwort aus dem Heidelberger Katechismus, dessen 450. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern.


Frage 1: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?"
Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre. Er hat mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst; und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit, fortan ihm zu leben."
Ich vermute, Sie hören die Frage 1 – und auch die Antwort mit zwiespältigen Gefühlen. Es sind zunächst alte Bilder und eine alte Sprache. Aber in ihnen steckt eine bis heute gültige Glaubenswahrheit, die uns im innersten angeht!
Dieser reformierte Katechismus stellt mit seiner ersten Frage das christliche Glaubenswissen sehr bewusst unter die Frage des Trostes. Er redet über nichts Theoretisches. Er redet über nichts, was mit unserem Leben nichts zu tun hat. Hier geht es um mein Leben und meine Existenz!

Es ist gar nicht so leicht, sich den Wunsch nach Trost selbst und vor anderen einzugestehen. Es gibt Zeiten, da brauche ich Trost, wenn ich am Ende bin und nicht mehr weiter weiß.
Dann ist es gut, wenn jemand einfach da ist, Zeit für mich hat, mir zuhört und mit mir redet – ohne, dass ich dafür noch irgendetwas selbst tun könnte! Was aber ist eigentlich Trost? Trost ereignet sich wie die Liebe: Zum Trost gehört immer ein Gegenüber, ich kann mir nicht selbst Trost zusprechen. Im Neuen Testament spielt das Wort Trost eine große Rolle. Das griechische Wort für „trösten" kann auch „ermutigen" bedeuten. Vertröstungen sind falscher Trost: Wenn mir jemand nach einem schweren Verlust sagt: „Ist doch alles nicht so schlimm", dann merke ich: Das stimmt nicht, der nimmt meinen Schmerz nicht ernst. Mit Sprüchen wie: „Das wird schon wieder" oder „Das haben wir doch alle schon einmal erlebt" übergeht jemand die Tiefe von Not oder Schmerz. Ich kann Trost nicht herstellen. Das merke ich, wenn mir jemand sagt: „Vielen Dank, dass Sie für mich gebetet haben. Das hat mich sehr getröstet." Mein Gegenüber hat Trost gefunden, über den ich nicht verfügen kann.

Die mitmenschliche Zuwendung ist hier wichtig und richtig. Aber sie ist damit überfordert, den letzten Trost zu geben. Der Glaube allein gibt diesen Halt und diese Hoffnung. Anderen Menschen Trost geben kann ich nur, wenn ich selber getröstet bin; wenn ich aus dieser unverfügbaren Mitte, aus Christus, lebe; wenn ich die „Rechtfertigung aus Gnaden allein" am eigenen Leibe erfahren habe. Bonhoeffer hat so gelebt und geglaubt.
In welcher Situation er sein Lied: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar" geschrieben hat, das wissen viele nicht. Bonhoeffer war damals seit 18 Monaten inhaftiert und wurde im Kellergefängnis der Gestapo in Berlin gefangen gehalten. Aber die Worte haben bei vielen, vor allem bei Trauernden etwas angerührt: Menschen können ihre Bedürftigkeit erkennen und benennen, sie erfahren Hilfe durch das aufrichtende Wort und können gestärkt weitergehen. Der Heidelberger Katechismus benennt diesen Dreischritt in seinem Aufbau mit den Worten: Von des Menschen Elend, Erlösung und Dankbarkeit.
Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit!

Ihr Pfarrer Jens Anders